Good News 28/25

Hitzige Modesünden sind cool.

Kaum steigen die Temperaturen, sinken die Ansprüche – zumindest in Sachen Garderobe. Vielleicht bin ich jetzt unfair oder unsensibel. Aber die Hitze des Sommers stürzt tatsächlich selbst distinguierte Menschen in textile Abenteuer. Und das mit modischen Entscheidungen, die bei 20 Grad Celsius nie und nimmer vorkommen würden. Sommermode ist dann wie ein kleines Experiment: oft überraschend, manchmal charmant, gelegentlich fragwürdig, aber selten langfristig. Sie wissen sicher was ich meine: Da tauchen bunte Kurzarmhemden auf, die an tropische Cocktails erinnern – nur weniger erfrischend sind. Shorts werden kürzer, Muster wilder und die Schuhe experimenteller. Flipflops zum Beispiel, jene gummierten Leisetreter, sind in diesem Sommer nicht nur allgegenwärtig, sie sind regelrechte Modestatements. Also quietschen sie durch Bahnhöfe, Freibäder und durch Büros. Sie geben sich als Inbegriff von Freiheit und Individualismus. Aber sind sie es auch? Ja. Sie sind bequem, luftig, herrlich unkompliziert.

Und vielleicht ist es genau richtig, was der Sommer mit uns macht. Er holt das Unkomplizierte hervor, das Nachsichtige, das «wenn nicht jetzt, wann dann?». Die Mode verliert ihre Strenge, darf flirten, darf flattern, darf auch ein bisschen über die Stränge schlagen. Natürlich nicht, ohne Kopfschütteln zu hinterlassen. Über Kombinationen, die nach Zufall aussehen. Über Farben, die nie und nimmer zusammenpassen. Über den Mut, den Menschen bei über 30 Grad entwickeln. Aber wer will schon urteilen, wenn der Kreislauf kämpft? Eben. Vielleicht ist die sommerliche Modesorglosigkeit ja auch ein kleiner Protest gegen Konventionen, gegen Perfektion, gegen das ewige Müssen. Und ganz ehrlich: Ein bisschen textiler Widerstand steht uns gut. Im Herbst sortiert sich eh vieles wieder – im Kleiderschrank wie im Kopf. Und bis dahin dürfen Flamingos auf Hemden tanzen, lange Socken in Sandalen stecken und Flipflops über den Cityasphalt klatschen. Denn Mode mag Geschmacksache sein – aber Sommer ist ein grosses Fest.

Simone Leitner Fischer