Nach den Turbanträgern die Stiefelträger?
CH-Media Nahostkorrespondent Michael Wrase referierte im Bistro der VHS-Solothurn über die Lage im Nahen Osten.
Angesichts der beispiellosen Proteste gegen das unfassbar grausame Mullah-Regime im Iran sei es natürlich verlockend, sich vorzustellen, dass die Luftwaffe der USA der islamischen Theokratie eine Art Gnadenstoss versetzen könnte. Diese Versuchung verkenne jedoch, wie die gut vernetzte islamische Theokratie überlebe, gab Michael Wrase in seinem Vortrag über die Lage im Mittleren Osten zu bedenken.
Der Iran stand in den 80-minütigen Ausführungen des CH-Media-Korrespondenten im Mittelpunkt. Fast alle Iraner wünschten sich den Sturz des Mullah-Regimes, betonte Wrase vor gut 70 Besuchern im Bistro der VHS Solothurn. Mit einem grundlegenden Wandel in dem Land sei aber nicht zu rechnen. Der seit 46 Jahren im Nahen Osten arbeitende Experte erwartet, dass die tragenden Säulen des Regimes, die mächtigen Revolutionsgardisten, in den kommenden Wochen oder Monaten Revolutionsführer Ali Khamenei kaltstellen und dann selbst die Macht übernehmen könnten.
«Nach den Turbanträgern werden die Stiefelträger das Land beherrschen», zitierte Wrase den israelischen Politologen Ras Zimmt. Mit einem solchen Szenario sei auch dann zu rechnen, falls massive US-Luftangriffe zu einem Sturz des Mullah-Regimes führen sollten.
Ein General der Revolutionsgardisten, so Wrase weiter, könnte dann der neue starke Mann im Iran werden; ähnlich wie in Ägypten, wo mit Herrn Abdelfattah al Sisi ein General mit diktatorischen Vollmachten das Land regiere.
Etwas optimistischer bewertete Wrase die Lage im Gazastreifen. Donald Trump sei es dort immerhin gelungen, einen Waffenstillstand durchzusetzen, gegen den sich Israel über Monate gesträubt habe. Zudem konnte der US-Präsident die Terrororganisation Hamas zur Freilassung ihrer noch lebenden Geiseln zwingen. Aus rein militärischer Perspektive, hob Wrase hervor, sei Israel der grosse Gewinner im Nahen Osten. Es wäre aber ein grosser Irrtum zu glauben, dass Israels überragende militärische Kapazitäten eine tragfähige Grundlage für eine regionale Ordnung im Nahen Osten bilden könnten, fügte der auf Zypern lebende Journalist hinzu.
Barbara Käch, Solothurn