«Entfaltung»
«Wer morgens mit Falten aufwacht, hat einfach die besten Möglichkeiten, sich im Laufe des Tages zu entfalten», heisst es in einem Sprichwort.
Auf dem zweiten Plakat unserer herbstlichen Plakatserie nimmt das Sujet «Entfaltung» Platz. Es benötigt mehr Raum als das der «Idee». So ist das auch im Leben: Kreative Vorhaben und Träume brauchen Platz, um entfaltet werden zu können. Je mehr davon vorhanden und je grösser der Raum ist, desto besser können Vorhaben und Überlegungen Gestalt gewinnen. Nicht immer hat man dabei aber die besten Möglichkeiten, wenn man mehr «Falten», sprich Ideen, hat, auch wenn unzählige, individuelle Fähigkeiten in einem schlummern …
In allen Menschen sind Eigenschaften, die im Laufe des Lebens mehr oder weniger zur Geltung kommen. Je nach Umgebung, Familie, Ort, Lehrerinnen und Lehrern kann Schlummerndes geweckt oder auch zugedeckt werden. Manchmal verstecken Menschen auch bewusst Teile von sich in der Öffentlichkeit. Im Zeitalter von Instagram und TikTok scheinen die Grenzen, Individualität und Intimität zu schützen, zwar gefallen zu sein. Bei manchen Posts fragt man sich aber, welcher Mensch wirklich dahintersteckt, welche Sehnsüchte und Träume er hat oder welche Verletzungen sie erlebt hat.
Um «ein eigener Mensch» zu werden, jemand, der viele seiner Gaben und Begabungen zeigen, entfalten und anderen zur Verfügung stellen kann, braucht es Schutz und einen gesicherten Rahmen. Wenn diese Entwicklungs- und Entfaltungsräume fehlen, entstehen bisweilen innere Räume, in denen verkümmert, was zur Blüte kommen und später als Frucht geerntet werden könnte.
«Einen Menschen zu lieben heisst, ihn zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat». Dieses Zitat wird Fjodor Dostojewski (1821-1881) zugeschrieben. Liebe, Achtung und Respekt schaffen einen geschützten Raum zur Entfaltung von Gaben und Begabungen. Liebe bedeutet nicht, den anderen zu idealisieren oder seine Fehler zu ignorieren, sondern sein tiefstes Potenzial, seine Einzigartigkeit und seinen göttlichen Kern zu erkennen – jenseits von Alltagsmängeln und vorschnellen Urteilen.
Viel Freude beim genauen Hinschauen auf Ihr Gegenüber, beim Entfalten und Entfaltenlassen von Ideen und Träumen. Viel Erfolg beim Raumschaffen für sich und andere. Lassen Sie sich überraschen, was sich aus mancher Idee entfaltet – in Ihrem Gegenüber und auch in Ihnen.
Entdeckungsfreudige Herbsttage wünscht im Auftrag der reformierten Bezirkssynode Solothurn:
Dorothea Neubert, Pfarrerin in der Kirchgemeinde Aetingen-Mühledorf