Stefan Frech | Staatsarchivar Solothurn
Das Staatsarchiv Solothurn hat die Vision, das modernste und verlässlichste Gedächtnis des Kantons zu sein. Was ist es Wert, dauerhaft überliefert und bewahrt zu werden und warum?
Das Staatsarchiv nimmt Dokumente in die Langzeitarchivierung, die der Rechtssicherheit dienen, etwa Regierungsbeschlüsse oder Grundbuchdaten. Ganz wichtig ist auch, dass die Bürgerinnen und Bürger staatliches Handeln nachvollziehen und kritisch prüfen können. Oft wollen sie aus eigener Betroffenheit wissen, weshalb sie in einem Heim fremdplatziert wurden oder wer ihre leiblichen Eltern sind. Schliesslich dienen die bei uns «in alle Ewigkeit» aufbewahrten Dokumente der wissenschaftlichen Forschung.
Welchen Beitrag kann das Staatsarchiv zur Forschung im Kanton Solothurn und in der Schweiz beitragen?
Das Staatsarchiv beherbergt den grössten Fundus an historischen Daten über den Kanton – und das über 1200 Jahre hinweg. Die Vielfalt der bei uns durchgeführten Forschungen ist gross: Es sind nicht nur Historikerinnen, welche die Geschichte von Frauenklöstern oder der Kinderpsychiatrie aufarbeiten, sondern Juristen untersuchen Mehrfachmorde, Geologen frühere Ölbohrungen oder Architektinnen umzunutzende Industrieareale. Auch gesamtschweizerische Forschungsprojekte arbeiten mit unseren Archivalien, etwa zum sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche.
Kürzlich hat eine Arbeitsgruppe unter Ihrer Leitung 200 Forschungsthemen identifiziert und auf einer Plattform des Historischen Vereins des Kantons Solothurn veröffentlicht. Was ist der Zweck dieser Plattform?
Die Geschichte des Kantons ist in vielen Bereichen zu wenig oder gar nicht erforscht. Die Plattform will Professoren und Studierende auf interessante Themen hinweisen und damit die Forschung über den Kanton fördern.
Welche Bedeutung haben Zeitungen wie etwa auch der AZEIGER für das Staatsarchiv?
Zeitungen sind für die Forschung von grossem Nutzen. Mit ihnen lassen sich Ereignisse oder Angaben zu Personen finden, Inserate dokumentieren das Wirtschaftsleben und natürlich kann die öffentliche Meinung nachgezeichnet werden.
Was bedeuten die Künstliche Intelligenz KI und «fake news» für das Staatsarchiv als Ort von historischen und verlässlichen Quellen?
In der Archivwelt werden bereits Tools für die Nutzung von KI entwickelt und getestet. Die Mitarbeitenden des Staatsarchivs sind ausgebildet darin, an eine Quelle kritische Fragen zu stellen: Wer hat sie erstellt? Wann, mit welcher Absicht? Sie können auch einordnen, ob eine ältere Fotografie echt ist. Es ist davon auszugehen, dass die Archive wegen «fake news» noch stärker zu Kompetenzzentren für verlässliche Informationen werden.
Zur Person
Stefan Frech
Staatsarchivar Solothurn