Good News 50/25

Wie spät ist richtig?

Sind Sie auch immer zu früh? Rechnen für die einstündige Fahrt sicherheitshalber zwei Stunden ein, nehmen den früheren Zug und sitzen dann mit einem Kaffee in der Hand am Flughafen – drei Stunden vor Abflug? Notabene für eine Kurzstrecke. Menschen dieser Art sind Meisterinnen und Strategen der gedanklichen Vorsorge. Sie kalkulieren Stau ein, Störungen im öffentlichen Verkehr, Schneefall im Juni und allfällige kosmische Stolpersteine. Ihr natürlicher Lebensraum: Wartezonen aller Art. Ihr grösster Gegner: die Unberechenbarkeit. Und ihr Beweggrund: das verlässliche Gefühl, dem Chaos ein Schnippchen zu schlagen. Manche nennen es Kontrollbedürfnis, andere Lebensstrategie. Denn früh zu sein bedeutet nicht nur Ordnung im Kalender, sondern auch Ordnung im Kopf. Doch was geschähe, wenn alle so wären? Wenn das Leben ohne Verspätungen auskäme und alles pünktlich einträfe? Wäre Spontaneität noch möglich? Ich denke ja. Denn selbst die Pünktlichsten wissen: Überraschungen finden immer eine Lücke im System.

Oder wie es der Slam-Poet Torsten Sträter sagt: «Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein.» Damit trifft er eine ganze Spezies: die notorisch Zuspätkommenden. Für sie ist Zeit dehnbar, ein elastisches Phänomen, das sie mit einem charmanten Lächeln bändigen. Ihre Kunst besteht darin, Verspätung elegant zu verpacken. Aber was ist besser? Zu früh oder zu spät sein? Vielleicht ist genau dieses Pendeln zwischen Präzision und Chaos die Wahrheit. Zwischen Kalenderdisziplin und kreativem Aufschub. Und ausgerechnet im Advent zeigt sich, wie fein dieser Grat ist. Denn die Adventszeit ist im Kern nichts anderes als ein gemeinsames Warten. Ein Warten, das nicht mehr nervt, sondern leuchtet. Und vielleicht erklärt es auch, weshalb wir im Advent so gerne durch Solothurn schlendern: eine Stadt, die Gelassenheit kennt, Lichtpunkte setzt und den langsamen Schritt belohnt. Wer hier unterwegs ist, merkt schnell: Pünktlichkeit ist gut, doch das Leben hat die reizvollere Dramaturgie oft dort, wo keine Uhr mitläuft.

Simone Leitner Fischer