Yeboaa Ofosu | Präsidentin Verein Solothurner Literaturtage
Der 1978 gegründete Verein der Solothurner Literaturtage soll alljährlich das aktuelle literarische Schaffen in der Schweiz vorstellen, diskutieren und in den gesellschaftlichen Kontext stellen. Was reizt Sie an der Aufgabe als Präsidentin des Vereins?
Eines der Merkmale gut funktionierender Kultur-(Institutionen) ist es, dass die Beziehung zwischen dem Vorstand und der Geschäftsleitung und anderen Organen gut funktioniert, auf Vertrauen aufbaut und belastbar ist. Ich denke, da habe ich etwas anzubieten, von dem die Solothurner Literaturtage profitieren können.
Die Solothurner Literaturtage sind das grösste mehrsprachige Literaturfestival der Schweiz mit über 70 Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern sowie internationalen Gästen. Welche Herausforderungen sehen Sie für die Literaturtage der Zukunft?
Die Zeit bleibt nicht stehen: Wir können nicht mehr dasselbe Festival veranstalten wie vor fünf Jahrzehnten. Sicherlich ist und bleibt der (viersprachige) Text im Vordergrund. Auch Lesung und Diskussion als Grundmuster der Vermittlung. Doch die Sprachen mehr noch gleichzeitig zu präsentieren, der Übersetzung einen noch prominenteren Platz einzuräumen, die Digitalisierung angemessen ins Spiel zu bringen, Diversitätsforderungen abzuwägen und die Bedürfnisse des BesucherInnen-Nachwuchses einzubeziehen: Das alles sind Dinge, die uns beschäftigen (werden).
Wo verorten Sie als Kulturwissenschaftlerin die Bedeutung von Literatur für unsere Gesellschaft?
Es ist offenkundig, dass bei gerade jungen Leuten die Fähigkeit zum längeren und schwierigeren Text abnimmt. Viele Menschen sind heute auf kürzere Attraktionen konzentriert, die sie im nächsten Moment auf ihrem Handy wieder wegwischen. Das Buch ist etwas anderes. Unsere Tausenden FestivalbesucherInnen, die Verlage, die ÜbersetzerInnen, die KritikerInnen und all diejenigen, die nun neuerdings wieder mit Buch statt Handy im Zug sitzen, zeigen, dass Literatur bleibt, trägt und etwas anbietet, das in die Zukunft weist.
Zum Schluss: Was lesen Sie persönlich aktuell?
Hanno Sauers Buch «Klasse». Zudem ist mir de Tocquevilles «Über die Demokratie in Amerika» wieder in die Hände gekommen – nebst immer wieder Fachliteratur. Und glücklicherweise bin ich mit einem Schauspieler verheiratet, er liest mir gerade wieder Tolstoi vor.
Zur Person
Yeboaa Ofosu
Kulturwissenschaftlerin | Dozentin Hochschule der Künste Bern HKB | Präsidentin Schlachthaus Theater Bern | Präsidentin Solothurner Literaturtage | Geschäftsführerin Frieda KulturBeratung